Journalismus 2.0 – Future of Context

Um neue Formate und Geschäftsmodelle entwickeln zu können, ist es für Redaktionen notwendig geworden zu experimentieren, zu testen, alles wieder zu verwerfen und zu optimieren. Doch nicht jede Redaktion kann sich finanziell oder zeitlich solchen Experimenten widmen oder das Risiko zu scheitern auf sich nehmen.

Das kommende Social Media FORUM am 28. September in Hamburg versucht daher in der Herbst-Ausgabe aktuelle sowie zukunftsweisende Konzepte vorzustellen, zu erläutern und zu diskutieren.

Hierbei steht im Mittelpunkt das Thema Future of Context, das leicht beschrieben werden kann als Suche nach der besten Möglichkeit Kontext online dem Leser zur Verfügung zu stellen, der nicht nur einen Teil der Geschichte wiedergibt, sondern ein ganzes Bild.

Auf der SXSW Music+ Film conference 2010 in Austin/Texas wurde in dem eigenen Panel Future of Context ausführlich diskutiert und sogar eine eigene Homepage erstellt. Zusammenfassend versuchte die Diskussion Lösungen aufzudecken, die die Schwelle zwischen dem object-oriented und story-oriented Journalismus schließen könnte. Die Lösung ist der Kontext, der jedoch schwer qualitativ hochwertig darzustellen ist, da meist der Reporter selbst keinen Hintergrund zur Verfügung gestellt bekommen hat. (Nachzulesen ist das Panel im Live-Blog)

Diese innovative amerikanische Diskussion nimmt das Social Media FORUM auf und stellt aktuelle europäische Bestrebungen vor, den Kontext stärker in den Mittelpunkt des Online Journalismus zu stellen.

Als Keynote Speaker konnten wir Kevin Anderson aus London gewinnen, der nach seiner Tätigkeit bei BBC zuletzt als digital research editor des Guardian die Evaluierung und Einführung digitaler Innovationen anstrebte, um die Qualität des Journalismus zu erhöhen. Als freier Journalist und digitaler Stratege nutzt er heute Blogs, Social Networks, Web 2.0 Werkzeuge und mobile Technologien um Schlagzeilen nicht nur zu verbreiten, sondern auch die Geschichten dahinter crossmedial einzusetzen.

Laut Anderson haben wir bereits einen Überfluss an Content: “People don’t want more info; they want the minimum info they need to understand a topic.” Der Journalismus befindet sich derzeit in einem Teufelskreis, in dem er mit mehr und mehr Schlagzeilen um sich wirft, die keine Leser mehr verarbeiten kann. Der Leser wendet sich im schlimmsten Fall sogar Stück für Stück ab und liest nur noch die kurzweiligen Artikel, die wenig geistige Energie verbrauchen , rund um Boulevard, Verbrechen oder Wetter.

In Deutschland konnten wir ebenfalls ein aktuelles Beispiel finden. Einen Reporter, der eine Experiment gewagt, Neuland betreten hat und eine ähnliche Meinung vertritt:

Michalis Pantelouris, freier Journalist sowie Entwickler, recherchierte für NEON einen vermeintlichen Kriminalfall und macht daraus eine „Live-Reportage“ im Netz. Zwar war die Reaktion der Leser verhalten, jedoch stellt das Experiment für den Netzjournalismus einen Durchbruch dar. Pantelouris entwickelte das Konzept des gläsernen Journalisten. Ein Journalist müsste, in den Augen von Pantelouris viel öfter die eigenen Skrupel und Schwächen „live“ thematisieren, um das verlorene Vertrauen der Leser zurückzugewinnen.

Wie die Diskussion Future of Context auf der SXSW festgestellt hat so ist auch Pantelouris der Meinung, dass Journalisten jederzeit bereit sein müssen, im Prozess der Recherche Auskunft über die genauen Schritte seiner Arbeit, warum er verfährt wie er verfährt oder eine Auswahl trifft, was er schlussendlich unternimmt und weiterverfolgt. Der Leser soll einfach seinen Erkenntnis- und Auswahlprozess nachvollziehen können. So würde man die Leser wieder zu sich holen und für sich gewinnen können.

Maxim Grinev hingegen liest nach eigenen Angaben keine Zeitung mehr, verpasst aber dank Twitter dennoch keine Nachricht. Um dies übersichtlicher tun zu können, hat Grinev  nun selbst eine Zeitung gegründet, die Twittertim.es. Der Dienst übernimmt die Linktipps in der eigenen Twitter-Timeline und generiert daraus eine Nachrichtenseite, die sich mehrmals täglich aktualisiert. Zudem bietet Twittertim.es eine “Retweet”-Funktion, um Nutzern das Verbreiten interessanter Nachrichten zu ermöglichen. Um Menschen mit den gleichen Interessen leichter identifizieren zu können, verweist der Dienst auf den Autor, falls dieser sich im Bekanntenkreis befindet, sondern auch im Falle eines Bekannten 2.Grades. So kann der Leser sich mit diesen auch vernetzen.

Ob die Vorstellung des “new journalist” in den Redaktionsalltag übertragbar ist, der Kontext die Lösung für eine erfolgreiche Zukunft des Journalismus sein wird oder Leser Nachrichten nur noch über Dienste wie Twittertim.es abrufen werden, können Sie am 28. September für sich selbst entscheiden und mit unseren Referenten ausführlich diskutieren.

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